Zählen für uns nur die Paulusbriefe? Gefahren einer überzogenen Schriftteilung (erweiterte Fassung)

28.02.2015 | 12:33  Uhr
 
Aus aktuellem Anlaß wollen wir hier auf eine bedenkliche falsche Lehre hinweisen, die durch Norbert Lieth vom Missionswerk „Mitternachtsruf“ seit einiger Zeit immer offener verkündet und verbreitet wird. Weil dadurch sehr viele Gläubige unter den Einfluß der Irrtümer des sogenannten „Hyper-Dispensationalismus“ (überzogene Heilszeitenlehre) kommen, wollen wir hier die falschen Auffassungen, die hinter Lieths Lehren stehen, kurz beleuchten.
 
Die heilsgeschichtliche Schriftauslegung (oft auch als „Dispensationalismus“, d.h. „Heilszeitenlehre“ bezeichnet) ist ein sehr hilfreicher und erhellender Ansatz der Bibelauslegung. Heilsgeschichtliche Schriftauslegung will durch ein richtiges Unterscheiden und Teilen des Wortes der Wahrheit (vgl. 2Tim 2,15) die Aussagen der Heiligen Schrift über Israel (den Alten Bund), die Gemeinde und das Tausendjährige Reich richtig zu verstehen und heilsgeschichtlich einzuordnen.
 
 
Was ist heilsgeschichtliche Schriftauslegung?
 
Grundlage dieses Auslegungsansatzes ist die Überzeugung, daß die ganze Schrift – alle Schriften des Alten wie des Neuen Testaments – von Gott durch Seinen Geist eingegeben sind und nützlich zur Unterweisung für den gläubigen Christen (vgl. 2Tim 3,16-17). Dabei ist jedoch zu beachten, daß das Alte Testament Gottes Botschaft an das auserwählte Volk Israel ist. Die Schriften des Alten Testaments enthalten viele wesentliche Offenbarungen über Gottes Wesenseigenschaften und Ratschlüsse, über Gottes Handeln als Schöpfer der Welt und in der Geschichte. Das Neue Testament enthält Gottes Botschaft für die messiasgläubigen Juden sowie für die Gemeinde Gottes.

In vielen Punkten jedoch enthält das AT auch besondere Offenbarungen Gottes an Sein auserwähltes Bundesvolk Israel, die nicht unmittelbar als Anweisungen für die Gemeinde gelten, sondern für uns nur eine mittelbare Botschaft in Form von Vorbildern oder geistlichen Lektionen enthalten. Das betrifft insbesondere das mosaische Bundesgesetz mit seinen vielen Geboten, die Ordnungen der Priesterschaft, des Heiligtums und des Opferdienstes.

Über diese Dinge lehren uns die neutestamentlichen Briefe, daß sie für die Gläubigen in Christus nicht unmittelbar gegeben sind, weil wir in Christus über die Vorbilder und Schattenbilder hinaus zum Wesen gekommen sind (vgl. 1Tim 1,6-11; 1Kor 10,11; Gal 3,23-29; Kol 2,16-23; Hebr 7 u. 8). Deshalb halten wir auch nicht mehr den Sabbat, opfern keine Tieropfer mehr und beschneiden unsere Söhne nicht am achten Tag.

Die richtige Unterscheidung, was in der Heiligen Schrift an Israel gerichtet ist, was an die Gemeinde Gottes und was vom künftigen Tausendjährigen Reich handelt, ist ein ganz wichtiges Merkmal der „gesunden Lehre“, nach der wir streben sollen (vgl. 1Tim 1,10; 6,3; 2Tim 4,3; Tit 1,9; 2,1). Fast alle Verführungslehren im christlichen Bereich vermischen oder verkehren genau diese drei wesentlichen Heilszeiten: die vergangene Heilszeit von Israel oder des Gesetzes, die jetzige Heilszeit der Gnade bzw. der Gemeinde, sowie das kommende Königreich des Messias. Das ist bei der Pfingst- und Charismatischen Bewegung der Fall, aber auch bei den „Zeugen Jehovas“, im falschen „Sozialen Evangelium“ und in den Lehren der Katholischen Kirche.
 
 
Falsche Lehren einer überzogenen heilsgeschichtlichen Bibeldeutung
 
Leider können Menschen oft die biblische Ausgewogenheit nicht einhalten, sondern neigen zu Übertreibungen, auch in bezug auf eigentlich Richtiges. Und der Widersacher ist listig und verleitet Menschen oft genug, an sich Wahres zu überziehen und in ein Extrem zu verkehren, so daß es unwahr und irreführend wird. Das ist leider auch mit der Lehre der Heilsgeschichte geschehen.

Es gab schon bald nach der Begründung der heilgeschichtlichen Schriftauslegung im 19. Jahrhundert einige kleine Zirkel von Bibellehrern und Verkündigern, die die heilsgeschichtliche Unterscheidung von Israel und der Gemeinde überzogen anwandten und dabei zu einem traurigen Zerrbild der gesunden Lehre herabsanken. Diese falsche, überzogene Schriftteilung wurde auch als „Hyper-Dispensationalismus“ bezeichnet. Ein bekannter Bibellehrer, der diese falschen Lehren vertrat, war der anglikanische Priester Dr. E. W. Bullinger aus England.

Leider haben die falschen Lehren des Hyper-Dispensationalismus in unseren Tagen traurige Aktualität erlangt. Seit einiger Zeit werden sie von Norbert Lieth, dem führenden Lehrer und Prediger des Schweizer Missionswerkes „Mitternachtsruf“ in vorsichtiger Dosierung, aber unmißverständlich verkündet. Ein kürzliches Beispiel ist die Botschaft von Norbert Lieth am 1. 1. 2015 in der Zionshalle: «Wo ist die Entrückung in der Offenbarung?» (Link: https://www.youtube.com/watch?v=mB2h-xnjNKg).
In dieser Predigt stimmte Lieth seine Zuhörer - im eklatanten Gegensatz zu dem, was Wim Malgo und der „Mitternachtsruf“ früher gelehrt haben -, auf die Behauptung ein, die Sendschreiben der Offenbarung richteten sich gar nicht an die Leibesgemeinde von heute, sondern an eine künftige „Reichsgemeinde“. Auch an anderen Stellen klang durch, daß Lieth inzwischen die falschen Lehren des „Hyper-Dispensationalismus“ verkündet und nicht mehr die Gemeinde, sondern Israel für die Braut hält.

Damit befinden sich nun Tausende von Christen im deutschsprachigen Raum unter dem bedenklichen Einfluß von irreführenden Lehren, die große geistliche Gefahren auslösen können. Wohl mag man einwenden, daß die Einführung dieser falschen Lehren ja nur scheibchenweise und mit einer gewissen Zurückhaltung erfolgt, aber wenn Verkündiger sich einmal gedanklich einem falschen Lehrsystem geöffnet haben, besteht die Gefahr, daß sie in den verkehrten Schlußfolgerungen immer weiter gehen. Wie weit Lieth innerlich schon gegangen ist, wissen wir ja nicht – aber das Schleusentor für den Irrtum ist schon geöffnet.

Deshalb wollen wir an dieser Stelle frühzeitig - hoffentlich rechtzeitig! - ein Signal setzen. Wir wollen die falschen Lehren der überzogenen Schriftteilung kurz kennzeichnen und dann darlegen, was Überzeugung der vielen Bibellehrer  ist, die über 150 Jahre hinweg einen ausgewogene heilsgeschichtliche Lehre vertreten haben (u.a. C. I. Scofield in seiner berühmten „Scofield-Bibel“, A. C. Gaebelein, H. A. Ironside, William MacDonald). Das ist von großer Wichtigkeit – nicht nur, weil diejenigen in trauriger Weise beraubt und irregeführt werden, die diesen überzogenen Lehren folgen, sondern weil durch diese abschreckenden Extremlehren auch die gesunde Schriftteilung bei manchen Christen in Verruf gebracht wird.
 
 

Die Irrtümer der überzogenen Schriftteilung
 
Worin besteht nun das System der überzogenen Schriftteilung? Vereinfacht gesagt, lehren diese Leute, daß nicht nur die Schriften des Alten Testaments, sondern auch alle biblischen Bücher des Neuen Testaments bis auf die Briefe des Apostels Paulus, bzw. nach der Lehre von einigen, noch enger, bis auf die späten Gefängnis-Briefe des Apostels Paulus, sich nicht auf die heute bestehende „Leibes-Gemeinde“, sondern auf eine ausschließlich jüdische „Reichsgemeinde“ bezögen. Angeblich wäre die besondere „Leibes-Gemeinde“ erst mit den Gefängnisbriefen, besonders dem Epheserbrief, ins Leben gerufen worden und nicht schon zu Pfingsten.

Diesem Auslegungssystem zufolge wären also beispielsweise alle die kostbaren Äußerungen, die der Herr Jesus im Johannesevangelium seinen Jüngern mitteilt, ohne jeden Bezug zur Gemeinde; sie wären lediglich und ausschließlich für die jüdische „Reichsgemeinde“ bestimmt gewesen, die von den Jüngern an bis zur Entstehung der „Leibesgemeinde“ ca. 60 n. Chr. bestanden hätte und dann wieder nach der Entrückung der Leibesgemeinde auftreten wird. Auch die ganze Apostelgeschichte, in der ja die Entstehung der Gemeinde und ihre Ausweitung über die jüdischen Anfänge hinaus geschildert wird, würde sich noch auf die „Reichsgemeinde“ beziehen.

Die Petrusbriefe, die Johannesbriefe, Jakobus, Judas, Hebräer würden alle zur „Reichsgemeinde“ sprechen und nicht zur „Leibesgemeinde“; deren geistliche Unterweisung beschränkte sich demnach auf Epheser, Philipper, Kolosser, Philemon, 1. Timotheus, 2. Timotheus und Titus. Auch die Offenbarung würde nach diesem System ausschließlich zu den Juden sprechen; die sieben Sendschreiben seien an künftige jüdische „Reichsgemeinden“ gerichtet und hätten nicht die „Leibesgemeinde“ im Blick (das war die Behauptung, mit der Norbert Lieth in der erwähnten Botschaft seine Verstrickung in dieses Lehrsystem offenbar machte).

Im Zusammenhang mit diesen Lehren behaupten die meisten Anhänger, die Gemeinde sei nicht die Braut des Christus, sondern Israel (obwohl die Schrift die Bilder des „Leibes“ und der „Braut“ offenkundig nebeneinander gebraucht, vgl. Eph 5,22-32; 2Kor 11,2). Weiterhin lehnen zahlreiche Anhänger auch die Ordnungen der Wassertaufe und manche sogar das Mahl des Herrn für die „Leibesgemeinde“ ab und behaupten, dies sei lediglich für die „Reichsgemeinde“ verordnet gewesen.
Im Zusammenhang mit diesen irreführenden Lehren stehen vielfach auch andere Irrtümer, so etwa die Behauptung, die Toten würden bis zur Auferstehung einen „Seelenschlaf“ halten, vielfach auch die „Allversöhnung“ (die Irrlehre von der letztendlichen Rettung aller Geschöpfe).

Der bekannte Bibellehrer Henry A. Ironside urteilte aus genauer Kenntnis der hyperdispensationalistischen Lehren in seiner lesenswerten Schrift Wrongly Dividing the Word of Truth:
 

Da ich seit 40 Jahren mit dem Lehrsystem Bullingers, wie es von vielen gelehrt wird, aufs engste vertraut bin, zögere ich nicht zu sagen, daß seine Früchte böse sind. Es hat eine ungeheure Ernte von Verführungslehren hervorgebracht, überall in diesem Land [den USA, RE] und in anderen Ländern. Es hat Christen voneinander getrennt und zahllose Gemeinden und [Brüder-]Versammlungen zerstört.

Es hat seine Anhänger in erschreckendem Maß zu intellektuellem und geistlichem Hochmut aufgeblasen, so daß sie höchst verächtlich auf jene Christen herabschauen, die ihre eigenartigen Ansichten nicht annehmen. In den meisten Fällen hat es dort, wo es lange geduldet wurde, die Bemühungen zur Ausbreitung des Evangeliums im eigenen Land völlig abgewürgt und auf den Missionsfeldern in der Ferne Uneinigkeit gesät.

All das ist so wahr in bezug auf dieses System, daß ich nicht zögere, zu sagen, daß es eine satanische Verkehrung der Wahrheit ist. Anstatt das Wort der Wahrheit recht zu teilen, teilen diese Lehrer es falsch, und ihre Propaganda ist alles andere, nur nicht förderlich für Frömmigkeit und Erleuchtung in göttlichen Dingen. (S. 10/11; Übers. RE)
 
 

Die Überzeugungen der ausgewogenen heilsgeschichtlichen Auslegung
 
Das Schwierige an diesem Lehrsystem wie an vielen anderen Verführungslehren ist der Umstand, daß neben Falschem auch manches Richtige enthalten ist. Der Hyper-Dispensationalismus knüpft an einige zutreffende Einsichten der ausgewogenen heilsgeschichtlichen Schriftauslegung an und verzerrt diese dann bis zur Unkenntlichkeit und überzieht sie in ein Extrem, das die Wahrheit zum Irrtum macht.

Der ausgewogene Dispensationalismus hat gezeigt, daß die Evangelien gewissermaßen einen Doppelcharakter haben. Sie richten sich unmittelbar an die messiasgläubigen jüdischen Jünger, die Christus damals nachfolgten und enthalten zahlreiche zweifelsfrei jüdische Bezüge. Sie beziehen immer wieder auch den künftigen jüdischen Überrest ein, der nach der Entrückung sich zu Christus bekehren wird und durch die große Drangsal muß (vgl. Mt 24). Aber auf der anderen Seite richten sich die Worte unseres Herrn genauso an die Gläubigen der Gemeinde Gottes heute. Der Herr hat so zu den Jüngern gesprochen, daß sowohl der jüdische Überrest als auch die Gläubigen der Gemeinde daraus Belehrung, Trost und Wegweisung schöpfen können. Dabei sollten wir die Aussagen der Evangelien immer im Licht der Briefe verstehen und anwenden.

Die ausgewogene heilsgeschichtliche Schriftauslegung zeigt, daß die Apostelgeschichte eine Zeit des Übergangs beschreibt. Die Gemeinde aus Juden und Heiden wird zu Pfingsten begründet und besteht am Anfang nur aus gläubigen Juden, denen Gott Schritt für Schritt klar macht, daß Er auch die Heiden mit einbeziehen will. Die „Leibesgemeinde“ ist die einzige Gemeinde, die im NT als ekklesia bezeichnet wird, und sie begann zu existieren, bevor ihr Wesen dem Apostel Paulus geoffenbart wurde; ihre Anfänge werden in der Apostelgeschichte berichtet. Zunächst wurde der Charakter des einen Leibes eher praktisch angesprochen und gelöst durch die Konflikte in Antiochia (Apg 15); erst später empfing der Apostel Paulus die lehrmäßige Offenbarung, die allerdings auch schon in 1Kor 12,12-27, Gal 3,26-29 und Röm 12,5 verkündet wird und nicht erst im Epheserbrief.

Alle Briefe des NT gelten der Gemeinde Gottes in Christus, nicht nur die späten Paulusbriefe. Manche Ausleger aus dem dispensationalistischen Lager hatten leider eine etwas unausgewogene Sicht vom Jakobusbrief und den Petrusbriefen, die als hauptsächlich an Juden gerichtet eine Sonderstellung zugeschrieben bekamen. Das ist nach Überzeugung vieler heilsgeschichtlicher Ausleger nicht wesentlich; auch wenn die Adressaten bei Jakobus sicherlich Juden waren, gelten die Aussagen doch für die ganze Leibesgemeinde; in den Petrusbriefen weist vieles darauf hin, daß auch Heidenchristen unter den Empfängern waren (vgl. z.B. 1Pt 4,3).

Alle Briefe bilden zusammen die gesunde Lehre der neutestamentlichen Apostel und Propheten (vgl. Röm 16,25-26; Eph 3,5). Im 2. Petrusbrief bezieht sich der Apostel ausdrücklich zustimmend auf die Paulusbriefe (2Pt 3,15-16); viele Formulierungen in beiden Petrusbriefen zeigen Bezüge zu den Paulusbriefen, die Petrus kannte und als heilige Schriften akzeptierte (vgl. 1Pt 2,1 mit Kol 3,8; 1Pt 2,5 mit Eph 2,21-22; 1Pt 2,10 mit Röm 9,24-26; 1Pt 3,9 mit Röm 12,17 u.a.).

Die Offenbarung ist offenkundig, wie die Evangelien, ein übergreifendes Buch, das sich sowohl an die Gemeinde Gottes (die „Leibesgemeinde“) als auch an die messiasgläubigen Juden der künftigen Drangsalszeit richtet. Die sieben Sendschreiben zu Beginn dieses Buches sind von praktisch allen Vertretern ausgewogener heilsgeschichtlicher Schriftauslegung in ihrem Bezug auf die heutige „Leibesgemeinde“ gedeutet worden, so wie die unmittelbaren Adressaten ja zweifelsfrei apostolische Gemeinden aus Juden und Heiden waren, von denen Ephesus ja sogar die Gemeinde ist, die den Epheserbrief empfing!

Wie auch immer man den prophetischen Gehalt dieser Botschaften im einzelnen auslegen mag, ihr Bezug zu der heutigen Gemeinde wurde von keinem ausgewogenen Lehrer der Heilsgeschichte geleugnet. Ebenso klar ist, daß die folgenden Kapitel sich wiederum mit Israel und den Heidenvölkern beschäftigen, wobei wir in den 24 Ältesten in Offenbarung 4 und 5 auch die Gemeinde zumindest mit repräsentiert sehen dürfen. Auch die letzten Kapitel der Offenbarung müssen die Gemeinde mit einschließen; sonst wäre dieses Buch der Vollendung aller göttlichen Heilsratschlüsse ja unvollständig und würde eine wichtige Heilskörperschaft ausschließen.
 
 
„Die etwas andere Offenbarung“ verdreht die Heilige Schrift
 
Zum Thema „Offenbarung“ müssen wir noch etwas ausführlicher Stellung beziehen, weil N. Lieth sich mit diesem Buch auch in einer Predigt am 1. 1. 2014 in der Zionshalle beschäftigt hat (Titel: „Die etwas andere Offenbarung“, zu hören über Youtube; Link: https://www.youtube.com/watch?v=STdvMPDiKVE). Dort hat er die hyperdispensationalistische Deutung bereits sehr deutlich, wenn auch mit Vorsicht und manchen Relativierungen versehen, vorgestellt und gezeigt, wie er die Offenbarung und den Rest des NT nun neu versteht.

In dieser Predigt macht er der bisherigen ausgewogen-dispensationalistischen Deutung der Offenbarung den Vorwurf, wenn sie die Gemeinde Jesu Christi in der Offenbarung sehe (in Offb 1-3 und Offb 19-22), sei dies wesentlich durch die lange Jahrhunderte übliche „Ersatztheologie“ verursacht, welche eine Zukunft für Israel leugnet und die Kirche überall an die Stelle Israels setzt. Das ist ein irreführendes Argument, da ja die heilsgeschichtliche Schriftauslegung gerade die falsche „Ersatztheologie“ verworfen hat und die Erfüllung aller alttestamentlichen Verheißungen für Israel gelehrt hat.

In der Predigt macht Lieth anhand einer Grafik sehr deutlich, daß nach seiner Sicht die Evangelien, die Apostelgeschichte (er sagt, zumindest die ersten Kapitel, aber die Grafik ordnet die ganze Apg so ein) wie auch das ganze Buch der Offenbarung für Israel seien, und nicht die Gemeinde beträfen. Lediglich die Apostelbriefe nimmt er aus und hebt durch eine andere Farbe hervor, daß sie allein für die „Leibesgemeinde“ bestimmt seien.

Das ist ja genau ein Kernpunkt des „Hyper-Dispensationalismus“, von dem Lieth behauptet, er sei „weit davon entfernt“, ihm anzuhängen. Übrigens erwähnt Lieth in dieser Predigt auch, seine neu gewonnenen Überzeugungen seien früher im angelsächsischen Raum weit verbreitet gewesen – eine deutliche Anspielung auf die hyperdispensationalistische Strömung, die wir oben erwähnt haben. Lieth kennt sie also und bezieht sich auf sie. Er gibt in seiner Stellungnahme auch indirekt zu, daß er sich an Bullinger hält, alledings nicht „nur“, sondern er lehne etliches von ihm auch ab.

Wenn Lieth in seiner Stellungnahme gegen seine Kritiker (u.a. erwähnt er auch mich) sagt, er betrachte keineswegs nur die Paulusbriefe als für die Gemeinde gegeben („Auch die anderen Briefe sind Gemeindebriefe!“), dann sollte man dazu Lieths Umgang mit den „anderen Briefen“ in dieser Predigt sorgfältig beachten. Mehrfach grenzt Lieth die Briefe der „jüdischen Apostel“ wie auch den Hebräerbrief gegen die Paulusbriefe ab und erweckt den Eindruck, dort würde eine andere Botschaft mit anderen Begriffen verbreitet als in den Paulusbriefen, und diese Briefe werden einseitig als nur für Juden geschrieben bezeichnet. Die Paulusbriefe allein werden in der Predigt als Offenbarung an die Leibesgemeinde behandelt. So wird z.B. die Berufung des „königlichen Priestertums“ in 1Pt 2,9 Israel zugeordnet und nicht der Leibesgemeinde.

Lieth argumentiert dann dafür, daß die Offenbarung allein jüdischen Charakter trage und die Gemeinde der Jetztzeit dort überhaupt nicht erwähnt sei. Dabei betont er Tatsachen, die ausgewogene Ausleger ja genauso sehen – etwa, daß die Sprache der Offenbarung stark auf die Botschaften der alttestamentlichen Propheten zurückgreift, daß der größte Teil des Buches von der Vollendung der Ratschlüsse Gottes mit Israel und den Heidenvölkern handelt, daß es wichtige Ermutigungen für die gläubigen Juden in der Drangsalszeit enthält usw. Ich würde auch annehmen, daß die Sendschreiben an die sieben Gemeinden so verfaßt wurden, daß sie auch dem jüdischen Überrest in der Drangsal etwas zu sagen haben – aber eben in erster Linie der Gemeinde Jesu Christi heute.

Insgesamt ist das Buch der Offenbarung ein Buch des Gerichts, in dem alle Gläubigen, auch die Gemeinden, in ihrer Verantwortlichkeit vor Gott angesprochen werden, wo es um Treue, um Werke, ums Überwinden geht. Doch das ist kein Argument, den Bezug der Sendschreiben zur jetzigen „Leibesgemeinde“ zu leugnen. Ich denke auch, daß die vielfach übliche kirchengeschichtliche Deutung der Sendschreiben nicht notwendigerweise aus dem Text abzuleiten ist; sie ist möglich und legitim, aber eher als Anwendung denn als Auslegung. Aber die Argumente, mit denen Lieth das ganze Buch der Offenbarung ausschließlich auf Juden beschränken will, sind nicht stichhaltig.


Ist die Offenbarung nur für die Juden geschrieben?
 
Lieth erwähnt Offenbarung 5 und behauptet, daß dort die 24 Ältesten nur Juden seien, obwohl diese Ältesten doch bekennen: „Du bist würdig, das Buch zu nehmen und seine Siegel zu öffnen; denn du bist geschlachtet worden und hast uns für Gott erkauft mit deinem Blut aus allen Stämmen und Sprachen und Völkern und Nationen, und hast uns zu Königen und Priestern gemacht für unseren Gott, und wir werden herrschen auf Erden“ (Offb 5,9-10). Die Behauptung Lieths, hier handele es sich um Juden aus der Zerstreuung, ist an den Haaren herbeigezogen.

Auch die Behauptung, die „Knechte“, denen der Herr die Offenbarung gibt, seien nur Juden, weil die „Leibesgemeinde“ nicht so bezeichnet würde, ist unzutreffend. Nicht nur bezeichnet sich gerade der Apostel Paulus öfters als „Knecht“ Jesu Christi (vgl. Röm 1,1; 2Kor 4,5; Gal 1,10; Phil 1,1); er verwendet diesen Begriff auch ganz allgemein für Diener Christi in der Gemeinde (2Tim 2,24) und in der Verbform auch für alle Christen, die Gott als Knechte (Sklaven) dienen sollen (Röm 6,16-22).

Natürlich erwähnt die Offenbarung die Entrückung der Gemeinde nicht ausdrücklich; das widerspräche wohl auch ihrem Charakter als einem Buch der Gerichte. Aber in Offb 3,10 einen Bezug dazu zu sehen ist völlig berechtigt. Und daß die Sendschreiben nichts mit den Paulusbriefen gemein hätten, wie Lieth meint, ist eine willkürliche Annahme. Z.B. erwähnt Offb 2,2 falsche Apostel; s. 2Kor 11,13; der Reichtum und die Armut Smyrnas findet ein Echo in 2Kor 8,1-15; das Götzenopferessen Thytiras (Offb 2,20) in 1Kor 10,14-22; die Verheißung an die Treuen, zu regieren (Offb 2,26-27), in der Aussage, daß die Gemeinde die Welt richten wird in 1Kor 6,2; Sardes, die lebendig Tote, in Eph 5,14 und 1Tim 5,6; das „Bewahren des Wortes“ aus Offb 3,8 in 2Tim 1,13-14; die „Krone“ in 2Tim 4,8; der „Ursprung der Schöpfung Gottes“ (Offb 3,14) in Kol 1,15-17; der Reichtum Laodiceas in 1Kor 4,8; die Verheißung des Mitregierens (Offb 3,21) in 2Tim 2,12.

Wenn im NT der Begriff ekklesia gebraucht wird, wie es in Offb 1- 3 geschieht, dann ist es von der Auslegung her völlig legitim, darin neutestamentliche Gemeinden zu sehen, wie es an allen anderen Stellen der Evangelien und der Apostelgeschichte wie auch der Briefe der Fall ist. Im Zusammenhang mit dem jüdischen Überrest, der ja später in der Offenbarung immer wieder auftaucht, kommt der Begriff jedenfalls nicht vor. Und den ernsten Bezug zur Verantwortung des einzelnen Gläubigen in den Sendschreiben finden wir in den Apostelbriefen auch; er ist die nötige Ergänzung zu der Gnade und völligen Erlösung in Christus und steht dazu nicht im Gegensatz, auch nicht bei Paulus (vgl. u.a. Röm 2,1-16; 1Kor 3,9-17; 4,1-5; 6,9-10; 9,16; 2Kor 5,10; Gal 6,7-8).

Es gäbe noch manches zu sagen, aber wir müssen uns beschränken. Es sei nur noch erwähnt, daß Lieth auch behauptet, im Gemeindezeitalter seien keine „falschen Propheten“ angekündigt. Das kann er nur behaupten, wenn er wirklich nur die Paulusbriefe als Offenbarung für die Gemeinde anerkennt und sowohl Matthäus 24 als auch 1Joh 4,1 Israel zuschreibt. Mit dieser Deutung beraubt uns Lieth wichtiger Warnungen vor der Pfingst- und Charismatischen Bewegung! Auch vom 1. Petrusbrief behauptet er, dieser sei nur an jüdische Gläubige gerichtet. Eine Folge von Lieths falscher Auslegung ist also, daß z.B. die Bezeichnung der Gemeinde als königliches Priestertum verworfen wird, weil nur Juden diese Berufung hätten, obwohl in 1Pt 2,10 gerade gezeigt wird, daß diese denen gilt, die einst „nicht ein Volk“ waren, also ehemaligen Heiden (vgl. die Bezüge dieses Abschnittes zu Eph 2,11-22 und Röm 9,24-26).
 
 
Wir brauchen Wachsamkeit
und klare Abgrenzung gegenüber den Irrtümern!
 
Was ist denn so negativ an den Lehren der extremen Schriftteilung? Kann man diese „Meinungsverschiedenheiten“ nicht großzügig übersehen? So wünscht es sich Norbert Lieth jedenfalls in seiner Stellungnahme und erweckt den Eindruck, Lothar Gassmann, ich und andere, die hier Bedenken äußern, seien unduldsam und übereng. In diesem Zusammenhang beschuldigt er uns, ihn „als Betrüger und Irrlehrer“ hingestellt zu haben.

Nun, wer meine Stellungnahme in der ersten Fassung genau gelesen hat, sollte erkennen können, daß ich das nicht tue; auch Lothar Gassmann hat dies meines Wissens nicht getan. Weil es aber heute üblich ist, genau abgewogene Worte nicht genau zu lesen, sondern mißzuverstehen, möchte ich hier noch einmal im Klartext sagen: Ich halte Norbert Lieth nicht für einen Irrlehrer und habe dies auch nicht behauptet. Ich halte ihn für einen Bruder im Herrn, der in seiner Lehre auf einen gefährlichen Abweg gekommen ist. Er hat begonnen, ein falsches Lehrsystem zu übernehmen und öffentlich zu verkündigen.

Das ist aber nicht nur seine Angelegenheit oder die des Werkes „Mitternachtsruf“, sondern geht in seinen Auswirkungen darüber hinaus, weil Tausende von Kindern Gottes das hören. Es ist auch beunruhigend, daß die Verantwortlichen des Missionswerkes offenbar Lieths neue Verkündigung decken, obwohl sie damit die Lehrgrundlage in Frage stellen, der das Werk seit seiner Gründung gefolgt ist.

Ich habe gesagt, daß Lieth sich diesem Lehrsystem geöffnet hat und wir nicht wissen, wie weit er darin innerlich gegangen ist. Er versichert, daß er einige Extremlehren dieses Systems nicht vertritt, und das nehme ich ihm ab. Dennoch vertritt er klar wesentliche Kernaussagen dieses falschen Lehrsystems, und seine Behauptung, er sei „weit entfernt, ein Hyper-Dispensationalist zu sein“, ist meines Erachtens ein taktisches Dementi, das den Sachverhalt verschleiert. Tatsache ist, daß die innerliche Übernahme eines Lehrsystems einer gewissen Logik folgt; auch wer anfangs nur einen Teil der falschen Gedanken übernimmt, kann später immer weiter darin fortschreiten, wenn er nicht Buße tut.

Das Lehrsystem des Hyper-Dispensationalismus ist auf jeden Fall falsch und gefährlich; es ist eben nicht „eine andere biblisch fundierte Sichtweise“, wie Lieth meint. Der geschätzte Bibellehrer H. A. Ironside ist sogar der Überzeugung, daß es eine Irrlehre darstellt, und warnt in dem oben angeführten Zitat vor Spaltungen und bösen Früchten; das sollten wir zumindest zur Kenntnis nehmen. Auf jeden Fall aber ist es eine Lehre, die einigen Schaden anrichten kann, und deshalb habe ich mich entschlossen, dazu Stellung zu nehmen. Das habe ich öffentlich getan, ohne Norbert Lieth vorher zu kontaktieren, weil die Irrtümer öffentlich gelehrt worden sind und viele Gläubige ratlos gemacht und verunsichert haben. Um dieser Gläubigen willen habe ich geschrieben. Wer öffentlich lehrt, muß auch öffentliche Beurteilung und Kritik ertragen.

Worin besteht der Schaden dieses Lehrsystems? Durch die willkürliche Ausgrenzung zahlreicher inspirierter Schriften wird die Grundlage für die Lehre extrem schmal und verliert damit auch ihre göttliche Fülle und Ausgewogenheit. Die falschen Lehrer des Hyper-Dispensationalismus gestehen ja meist zu, daß man auch aus den anderen Schriften etwas Erbauliches für sich ziehen könne, aber zur Lehre für die Gemeinde lassen sie nur die Apostelbriefe bzw. im Kern nur etwa die Hälfte aller apostolischen Briefe zu!

Daraus muß zwangsläufig Einseitigkeit entstehen, und falsche Lehren lassen sich leichter entwickeln, weil viele dagegen sprechende Schriftzeugnisse gar nicht mehr berücksichtigt werden. Der Allversöhnungs-Irrlehre, die etliche Verfechter des Hyper-Dispensationalismus vertreten, kommt es sicherlich entgegen, wenn die ernsten Zeugnisse von der ewigen Verdammnis in den Evangelien und den „jüdischen“ Briefen beiseitegelassen werden – aber das ist das Gegenteil von gesunder Lehre; daraus erwächst Irreführung!

Wenn man ein Haus mit 10 mal 10 Metern Fläche auf ein Fundament von 3 mal 3 Meter gründen wollte, dann würde das Ganze sehr wacklig und müßte bald einstürzen! Genauso geht es mit der Zerschneidung der Schrift durch die Extremlehren der falschen Schriftteilung. Die falschen Lehren verunsichern die Gläubigen, rauben ihnen wichtige Orientierungspunkte in der Bibel und machen sie anfälliger für alle möglichen weitergehenden Irrtümer. Die irreführende, einseitige, spitzfindige Auslegungsmethode zerrüttet den gesunden Glauben und das einfältige Vertrauen in das, was geschrieben steht.

Deshalb sehen wir uns, so wie damals der Verkündiger Henry Ironside, gezwungen, gegen diese irreführenden Lehren aufzutreten und die Gläubigen davor zu warnen. Wir wollen dies frühzeitig tun, in der Hoffnung, daß manche verunsicherte Seelen sich noch besinnen, bevor sie sich in diesen Irrtümern tiefer verstricken und daran Schaden erleiden. Dabei sollten wir bedenken, daß der Apostel Petrus in seinem zweiten Brief davor warnt, die Aussagen des Apostels Paulus zu verdrehen (vgl. 2Pt 3,15-18). Wie wichtig ist es in der heutigen Zeit, an der gesunden, ausgewogenen Lehre der Schrift festzuhalten! „Halte dich an das Muster der gesunden Worte, die du von mir gehört hast, im Glauben und in der Liebe, die in Christus Jesus ist! Dieses edle anvertraute Gut bewahre durch den Heiligen Geist, der in uns wohnt! (2Tim 1,13-14). Möge Gott uns noch Erweckung schenken, daß wir Sein edles Wort tiefer erfassen und treu bewahren!
 
Du aber bleibe in dem, was du gelernt hast und was dir zur Gewißheit geworden ist, da du weißt, von wem du es gelernt hast, und weil du von Kindheit an die heiligen Schriften kennst, welche die Kraft haben, dich weise zu machen zur Errettung durch den Glauben, der in Christus Jesus ist.

Alle Schrift ist von Gott eingegeben und nützlich zur Belehrung, zur Überführung, zur Zurechtweisung, zur Erziehung in der Gerechtigkeit, damit der Mensch Gottes ganz zubereitet sei, zu jedem guten Werk völlig ausgerüstet.

Daher ermahne ich dich ernstlich vor dem Angesicht Gottes und des Herrn Jesus Christus, der Lebendige und Tote richten wird, um seiner Erscheinung und seines Reiches willen: Verkündige das Wort, tritt dafür ein, es sei gelegen oder ungelegen; überführe, tadle, ermahne mit aller Langmut und Belehrung!

Denn es wird eine Zeit kommen, da werden sie die gesunde Lehre nicht ertragen, sondern sich selbst nach ihren eigenen Lüsten Lehrer beschaffen, weil sie empfindliche Ohren haben; und sie werden ihre Ohren von der Wahrheit abwenden und sich den Legenden zuwenden. Du aber bleibe nüchtern in allen Dingen, erdulde die Widrigkeiten, tue das Werk eines Evangelisten, richte deinen Dienst völlig aus! (2Tim 3,14 - 4,5)
 
 

 
Quelle: Henry Allan Ironside: Wrongly Dividing the Word of Truth. Neptune, NJ (Loiseaux) 4. Aufl. 1989 (Internet: http://www.wholesomewords.org/etexts/ironside/wrongly1i.html)
 

Rudolf Ebertshäuser    www.das-wort-der-wahrheit.de  2. erweiterte Fassung    28. 2. 2015


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Die Bibel, Israel und die Gemeinde. Gefahren einer überzogenen Schriftteilung



 

 


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