„Zeit zum Aufstehen“: Der irreführende „Ruf zur Mitte“

29.09.2014 | 16:42  Uhr

 
Es tut sich was bei den Pietisten; dem Anschein nach gehen die postmodern gewordenen landeskirchlichen Gemeinschaften in die Offensive und bringen eindrucksvolle Initiativen hervor, die sie als eine starke und einflußreiche Kraft ausweisen sollen. Eine dieser Aktionen ist der Aufruf „Zeit zum Aufstehen“, der im April 2014 von mehreren bekannten Persönlichkeiten des Pietismus vorgestellt wurde und gegen gewisse Lehren, Ideologien und Kräfte in Kirche und Gesellschaft sieben Glaubensgrundsätze verteidigen will. Er wurde breit beworben auf dem zentralen „Christustag“ 2014, bei dem über 20.000 Besucher in Stuttgart zusammenkamen. Dabei sind kraftvolle, hoffnungsgeladene Aussagen zu hören; man ist bemüht, der Welt und der liberalen Kirchenführung zu demonstrieren, daß die Pietisten modern, zukunftsorientiert und einflußreich seien.
 
Es ist sinnvoll, wenn wir uns zumindest kurz mit dieser Initiative beschäftigen, denn sie sagt einiges darüber aus, was die heutige Führungsriege des Pietismus bewegt und wohin sie wollen. Die älteren Führer sind ja auf vielen Ebenen zurückgetreten und haben jüngeren Leuten zwischen 40 und 50 Platz gemacht, die nun versuchen, den Pietismus zeitgeistkompatibel zu machen.
 
 
„Zeit zum Aufstehen“: ein wohlklingender Aufruf ohne echte Bibeltreue
 
Beim oberflächlichen Lesen mag der Aufruf „Zeit zum Aufstehen“ manche beeindrucken, die Not haben mit den immer offener antichristlichen Entwicklungen, die der Zeitgeist in der Gesellschaft, aber auch in den liberalen „Volkskirchen“ hervorbringt: Gender-Ideologie, Homo-Ehe, Aushöhlung des Evangeliums, offene Verleugnung von Gottes Wort. Hier scheint dieser Aufruf ein gutes Gegensignal zu setzen. Wenn man aber genauer liest, was denn die pietistischen Initiatoren sagen und was sie nicht sagen, dann zeigt sich, daß der „frische Wind“, den dieser Aufruf verspricht, in eine völlig verfehlte Richtung weht.
 
In einem offiziellen Mitteilungsbrief vom 8. April 2014 sprechen die Erstunterzeichner über ihr Anliegen: „Auf dem Weg zum Reformationsjubiläum im Jahr 2017 informieren zwölf Repräsentanten verschiedener kirchlicher Basisbewegungen über eine ‚Initiative für die Zukunft der Kirche‘. In einem Impuls rufen sie die Grundlagen des evangelischen Glaubens in Erinnerung. (…) Die Initiative soll eine neue Bewegung zur Mitte hin auslösen: ‚Das Anliegen unserer Initiative ist es, dass wir als Christen aufstehen und neu in der Mitte sammeln, die uns als Christen verbindet‘, so Mitinitiator Pfarrer Steffen Kern, Vorsitzender des Württemberger Gemeinschaftsverbandes ‚die Apis‘ und proChrist-Redner.“
 
Zunächst bekennt sich der Aufruf zu den klassischen vier „Allein“ der Reformation, die ja, richtig verstanden, völlig berechtigt sind: Allein Christus – allein die Gnade – allein der Glaube – allein die Schrift. Aber sie werden postmodern umgedeutet und an das heutige liberal-evangelikale Denken angepaßt. So heißt es für das alte „Solus Christus“: „Allein Jesus Christus befreit uns“. Biblisch müßte man sagen: Allein Jesus Christus erlöst uns von Sünde und Tod durch Sein Blut“. Doch wer von den Unterzeichnern und Lesern wirklich noch an die biblisch bezeugte Erlösung durch das Blut Jesu Christi glaubt, ist zweifelhaft. „Erlöst“ würde auch bedeuten, daß wir nun Sein Eigentum sind, berufen, Ihm zu dienen. „Befreit“ ist die moderne liberalkirchlich korrekte Sprachregelung; hier kann man auch eine „Freiheit“ des fleischlichen Selbstlebens herauslesen, die die Bibel nicht kennt (und der frühere, gesündere Pietismus auch nicht).
 
Ähnlich unverbindlich gerät das „Sola Scriptura“: „Allein durch die Bibel finden wir einen Maßstab für das, was wir glauben und wie wir leben“. Hier wird weder die göttliche Inspiration noch die verbindliche Autorität des biblischen Offenbarungswortes angemessen wiedergegeben. Das ist eine Wischi-Waschi-Aussage, der jeder liberale Pfarrer und jeder emergente Blogger auch zustimmen könnte. „Allein die Bibel ist das von Gott eingegebene, irrtumslose Offenbarungswort, das die verbindliche Richtschnur für den Glauben und das Leben der wahren Kinder Gottes darstellt, das wir in allem völlig annehmen und dem wir gehorchen“ – so ähnlich hätte dieser Punkt formuliert werden müssen, um klar zu sein.
 
Ähnlich verwaschen, mehrdeutig und offen für bibelkritische und emergente Auslegungen sind die sieben Bekenntnis-Punkte formuliert. Wir wollen nur einige Beispiele herausgreifen:
 
„1. Jesus Christus ist der Sohn Gottes. Er ist für uns am Kreuz gestorben und auferstanden. Wir stehen ein für die Einzigartigkeit von Jesus Christus. Allein an ihm entscheidet sich das Heil aller Menschen. Wir stehen auf für Jesus Christus und gegen alle Lehren, die die Versöhnung durch seinen Tod am Kreuz in Frage stellen und seine leibliche Auferstehung leugnen.“
 
Das klingt gut; aber entspricht es auch klar dem, was die Bibel lehrt? Eigentlich müßte es heißen: „Nur durch den Glauben an Ihn kann ein Mensch gerettet werden“. Die gewählte Formulierung läßt manche an Karl Barth orientierte Formen der Allversöhnung oder einer angeblichen „Errettung durch Christus ohne Glauben an ihn“ offen. Auch die Versöhnung ist so formuliert, daß eine Leugnung der stellvertretenden Sühnung durch das Blut Christi, die heute auch manche Evangelikale formulieren, nicht ausgeschlossen wird.
 
„3. Jesus Christus vergibt uns unsere Schuld – gerecht vor Gott werden wir allein durch seine Gnade. Wir stehen ein für das Evangelium von Gottes Liebe und Barmherzigkeit. Jeder Mensch hat ein Recht darauf, diese gute Nachricht zu hören. Wir stehen auf für die Verkündigung des Evangeliums in aller Welt und gegen die Behauptung, Menschen bräuchten keine Erlösung.“
 
Auch das klingt zunächst gut – aber es läßt viele Schlupflöcher für liberale und emergente Ausdeutungen. Das biblische Evangelium umfaßt nicht nur „Gottes Liebe und Barmherzigkeit“ (so würden es auch die bibelkritischen Pfarrer formulieren), sondern auch das Zorngericht Gottes über die Sünde, die Notwendigkeit von Buße und Bekehrung, die Notwendigkeit einer Geburt von oben und manches andere, das nicht erwähnt wird. Der Mensch hat kein „Recht“ darauf, die gute Nachricht zu hören – der ganze Gedanke der „Menschenrechte“ kommt aus dem humanistischen Weltanschauung und nicht aus der Bibel. Nein, es ist vielmehr Gottes Auftrag, daß wir das Evangelium überall verkünden! Aber es muß das echte, biblische Evangelium sein, nicht das moderne „Soziale Evangelium“ oder irgendein emergent-kontextualisiertes Falschevangelium, das zu „christlichem Islam“ und Religionsvermischung führt. Hier läßt die Erklärung alles offen.
 
4. Die ganze Bibel ist Gottes Wort – durch sie spricht Gott zu uns; er zeigt uns, wer er ist und was er will. Wir stehen ein für das Vertrauen in die Heilige Schrift. Gottes Wort und menschliche Worte sind in ihr untrennbar verbunden. Einheit und Vielfalt ihres Zeugnisses finden ihre Mitte in Jesus Christus. Wir stehen auf für die Wahrheit des Wortes Gottes und gegen die Kritik an der Bibel als Autorität für die Lehre der Kirche und das Leben der Christen. Die Bibel ist immer aktueller als der jeweilige Zeitgeist.
 
Hier wird noch einmal die Offenheit des Aufrufs für die unter den Evangelikalen so weit verbreitete „gemäßigte Bibelkritik“ deutlich. Es heißt nicht lauter und klar: „Die Bibel IST Gottes Wort – inspiriert, zuverlässig, unsere Autorität. Punkt“, sondern auf die richtige Aussage „Die ganze Bibel ist Gottes Wort“ folgt die postmodern-dialektische Relativierung: „Gottes Wort und Menschenworte sind in ihr untrennbar verbunden“. Das ist ein frommer Betrug. Die Bibel ist 100% Gottes Wort und überhaupt nicht Menschenwort, wie sie selbst vielfach bezeugt (vgl. u.a. 2Pt 1,19-21; 1Thess 2,13; 2Tim 3,16). So gerät der verkündete „Aufstand“ gegen die Bibelkritik zu einem inkonsequenten und kläglichen Scheinprotest. Die Unterzeichner selbst folgen der Bibel ja nicht mehr verbindlich als Autorität (was sich zum Beispiel in der Frauenordination zeigt) – wie wollen sie da entschlossen gegen die liberale Theologie in der Kirche aufstehen?
 
„7. Jesus Christus wird wiederkommen. Mit ihm hat unser Leben eine große Zukunft. Wir stehen ein für die biblische Verheißung auf einen neuen Himmel und eine neue Erde. Wir glauben, dass das Reich Gottes heute schon erfahrbar ist, wo Jesus uns bewegt, anderen in Liebe zu dienen. Wir stehen auf für ein Leben in Hoffnung und gegen jede Form der Resignation, denn unser Glaube erschöpft sich nicht im Diesseits.“
 
Auch hier stehen hinter schönen Worten theologische Kniffe und unbiblische Irrtümer, die alle gekonnt zugedeckt werden. „Jesus Christus wird wiederkommen“ – ja, Amen! Aber wie wird Er kommen? Zur Entrückung Seiner Gemeinde? Zum Gericht über die Welt, wie es die Bibel bezeugt? Zur Aufrichtung Seines Reiches auf Erden, wie es die Propheten ankündigten? Das alles bleibt offen; jede unbiblische Lehre paßt in diese Formel hinein. Man bekennt sich nur noch zum neuen Himmel und der neuen Erde. Was das „Reich Gottes“ angeht, so bekennt man sich nicht zum wörtlichen Tausendjährigen Reich, sondern zu den heutigen missionalen und emergenten Irrtümern über das „Reich“, das angeblich heute schon in sozialer Aktivität erfahrbar sei.
 
Das alles erscheint nicht als unbeabsichtigte Schwäche, sondern als wohldurchdachtes Konzept. Man will ja eine Sammlungsbewegung zur „Mitte“ hin auslösen: „Die Initiative soll eine neue Bewegung zur Mitte hin auslösen“, sagen die Initiatoren. Man wünsche sich eine „geistliche Erneuerung unserer Gemeinden und Kirchen“, so Michael Diener, wobei man in erster Linie die Evangelische Kirche in Deutschland im Blick hat, zu der diese Pietisten ja praktisch alle gehören. Zu dieser ominösen „Mitte“ zählen auch die Kräfte der Ökumene und des Dialogs mit Rom; zwei der Initiatoren, Gerhard Pross und Thomas Römer, sind verantwortlich in der ökumenischen Initiative „Miteinander für Europa“ tätig. Deshalb hat man auch den Charismatiker Henning Dobers mit eingebunden. Diese Initiative bindet den postmodern gewordenen Pietismus noch stärker in die Kirche ein; ein Ausdruck dafür ist auch der Umstand, daß der „Christustag“ 2015 in Stuttgart als Bestandteil des liberal-ökumenischen Evangelischen Kirchentags stattfinden soll.
 
Die verwaschene, bewußt unklare Ausrichtung des Aufrufes spiegelt sich auch in den Personen wieder, die ihn nach den Initiatoren als Erstunterzeichner unterstützten. Zu ihnen zählen eher konservative Namen wie Friedrich Hänssler, Erwin Damson, Heiko Krimmer, Konrad Eissler, Prof Dr. Friedhelm Jung (Bonn), Fritz Laubach oder Theo Lehmann; es finden sich Allianzgrößen wie Christoph Morgner, Horst Marquardt, Rolf Hille, Detlef Krause, Ulrich Parzany, Thomas Schirrmacher, Peter Strauch oder Ekkehart Vetter; man findet aber auch Charismatiker wie Frank Bauer (JMEM Hurlach), Ortwin Schweizer und Astrid Eichler (Berlin) sowie Vertreter der mystischen „Neuen Spiritualität“ wie Pfarrer Hanspeter Wolfsberger oder Ulrich Eggers. Bezeichnend ist, daß auch einige prominente Namen aus dem Umfeld der missional-emergenten Bewegung mit unterschreiben konnten, so etwa Dr. Thomas Weißenborn von Emergent Deutschland und dem „Studiengang Gesellschaftstransformation“.
 
Das Anliegen dieses Aufrufes ist aus allen diesen Gründen von Illusionen geprägt und letztlich irreführend. Man will die Pietisten durch scheinbar deutliche Worte wieder neu an den alten, völlig unbiblischen Weg der Gemeinschaften binden, nämlich an die kraftlose und folgenlose Opposition im Rahmen einer immer gottloser werdenden Kirche. Die von Liberalismus und Ökumene geprägten Landeskirchen können nicht mehr wahrhaft erneuert werden; sie sind schon vom Glauben abgefallen, und dieser Aufruf kirchentreuer Pietisten sucht diesen verdorbenen, nicht erneuerungsfähigen Zustand nur zu verdecken und wachgewordene Gläubige aus ihren Reihen von der einzig richtigen Konsequenz abzuhalten, nämlich vom Kirchenaustritt und der Orientierung auf bibeltreue Gemeinden. Dieser „Ruf zur Mitte“ ist ein bedauerlicher Versuch, mit leeren Worten mehr kirchenpolitisches Gewicht zu bekommen und von der Welt als bedeutsame geistige Kraft wahrgenommen zu werden.
 
 
Quellen: Programmheft Christus-Tag 2014; www.zeit-zum-aufstehen.de; https://www.zeit-zum-aufstehen.de/fileadmin/pressemeldungen/Zeit_zum_Aufstehen_-_Pressetext_2014-04-05.pdf

 

Korrektur: Versehentlich wurde in der ersten Fassung behauptet, der Initiator der Bildungplanpetition Gabriel Stängle habe die Erklärung mit unterzeichnet; hier liegt aber eine Verwechslung meinerseits vor, für ich mich entschuldige.
 

Rudolf Ebertshäuser    27. 9. 2014   korrigiert  24. 10. 2014  www.das-wort-der-wahrheit.de


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