Festhalten an dem inspirierten prophetischen Wort. Eine Auslegung von 2. Petrus 1,19-21

 
 
Rudolf Ebertshäuser
 
 
 
 
 
Und so halten wir nun fest an dem völlig gewissen prophetischen Wort, und ihr tut gut daran, darauf zu achten als auf ein Licht, das an einem dunklen Ort scheint, bis der Tag anbricht und der Morgenstern aufgeht in euren Herzen. Dabei sollt ihr vor allem das erkennen, daß keine Weissagung der Schrift von eigenmächtiger Deutung ist. Denn niemals wurde eine Weissagung durch menschlichen Willen hervorgebracht, sondern vom Heiligen Geist getrieben haben die heiligen Menschen Gottes geredet.
 
 
Es ist durchaus folgerichtig, daß der Apostel Petrus als nächstes auf die göttliche Inspiration und Autorität der Bibel eingeht. So wie das Zeugnis der Apostel wahr und glaubwürdig ist, weil sie in göttlichem Auftrag redeten und schrieben, so ist auch das Zeugnis all der Propheten von alters her wahr und zuverlässig, weil sie im Auftrag Gottes die Worte des Herrn aussprachen und niederschrieben, nicht ihre eigenen Worte.
 
Die Propheten des AT hatten immer wieder von dem kommenden Gerichtstag des HERRN und der Ankunft des Messias als König und Richter auf Erden gesprochen, und diese Verheißung ist wahr und glaubwürdig, weil die Propheten heilige Männer Gottes waren, die vom Heiligen Geist getrieben redeten. Das inspirierte Zeugnis der Apostel des Neuen Bundes bestätigt das inspirierte Zeugnis der Propheten des Alten Bundes.
 
Wenn wir diesem Zeugnis glauben, dann durchschauen wir den Betrug der Welt, die sich immer humaner und fortschrittlicher gibt und so tut, als sei ihre Existenz unendlich. Wir durchschauen auch den Betrug der Irrlehrer in der Christenheit, die unseren Herrn und Sein Wort verworfen haben und frech und frevlerisch ihren Lüsten leben. Wir wissen dann, daß alles das kommen muß, weil Gott es vorhergesagt hat. „Wenn aber dies anfängt zu geschehen, so richtet euch auf und erhebt eure Häupter, weil eure Erlösung naht“ (Lk 21,28).
 
 
2Petr 1,19  Und so halten wir nun fest1 an dem völlig gewissen2 prophetischen Wort3, und ihr tut gut daran, darauf zu achten als auf ein Licht4, das an einem dunklen5 Ort scheint, bis der Tag anbricht6 und der Morgenstern aufgeht7 in euren Herzen.
 
echò = halten, haben, festhalten, im Besitz haben, bewahren
bebaios Komp = feststehend, zuverlässig, glaubhaft, gewiß; bebaioteros =  gewisser od. elativisch sehr, ganz, völlig gewiß (GGNT § 138; Bauer zu bebaios; ebenso Ebeling, Griechisch-Deutsches Wörterbuch zum NT; Preuschen, Handwörterbuch zum griechischen Neuen Testament)
prophètikos logos = das prophetische, von Propheten geschriebene Wort
lychnos = Lampe, Leuchte, Leuchter, Licht
auchmèros = dürr, verwildert, schmutzig, dunkel, finster
di-augazò Aor Konj = durchscheinen, hervorleuchten, sichtbar werden, aufleuchten
phos-phoros = w. der Lichtträger, Lichtbringer; Bezeichnung für den Morgenstern; ana-tellò = aufgehen, aufstrahlen
 
 
V. 19: Nun zieht der Apostel die Schlußfolgerung aus der Verklärung des Herrn. Sie hat das prophetische Wort des Alten Testaments eindrucksvoll bestätigt, das von der herrlichen Königsherrschaft des kommenden Messias spricht. Deshalb dürfen wir dieses völlig gewisse prophetische Wort zuversichtlich festhalten, anstatt es in Zweifel zu ziehen oder zu vergessen. Man kann den ersten Halbsatz auch wiedergeben: „Und deshalb besitzen wir als bestätigt (oder gewisser) das prophetische Wort.“ Das ergänzende Zeugnis der Apostel bekräftigt das Zeugnis der alten Propheten und macht es den Gläubigen gewisser bzw. völlig gewiß.
 
 
Das gewisse prophetische Wort
 
Die eindrucksvolle Offenbarung der messianischen Herrlichkeit des Herrn Jesus, die die drei Jünger auf dem Berg der Verklärung empfangen hatten, war eine Bestätigung des prophetischen Wortes, das Gott durch die Jahrhunderte Seinen auserwählten Sprechern, den Propheten, gegeben hatte.
 
Sie hatten immer wieder von dem kommenden Gerichtstag des HERRN und der darauf folgenden herrlichen Königsherrschaft des Messias auf Erden geweissagt, und diese von Gott selbst eingegebenen Botschaften waren völlig zuverlässig, fest und gewiß. Im dritten Kapitel geht der Apostel noch einmal darauf ein, daß sich die Weissagungen über den „Tag des Herrn“ unbedingt erfüllen müssen, auch wenn Spötter und Verführer das Gegenteil behaupten.
 
Das „prophetische Wort“ bezeichnet hier wahrscheinlich vorwiegend die voraussagenden, vom zukünftigen Messias handelnden Abschnitte des Alten Testaments wie auch des Neuen Testaments. Die Botschaft der alttestamentlichen Propheten war einerseits eine ermahnende, ein Ruf zur Umkehr des Volkes; andererseits stellten die Boten Gottes dem Volk Israel Gottes wunderbare Pläne für die Zukunft vor, die alle in der Person des Messias gegründet sind – aber auch Gottes Endgericht, das auch die untreuen Israeliten nicht verschonen würde.
 
In einem weiteren Sinn, den wir immer wieder in der Bibel finden, ist das „prophetische Wort“ im Grunde identisch mit dem „Wort des Herrn“ oder „Wort Gottes“. Es ist das von Gott selbst gegebene Wort, wie Petrus in Vers 21 zeigt, das durch die von Gott berufenen und geheiligten Werkzeuge, die Propheten, weitergegeben und niedergeschrieben wurde (siehe dort). Ein „Prophet“ in der Bibel ist ein autorisierter Sprecher Gottes, der die Botschaft des Herrn an die Menschen weiterzugeben hatte.
 
Dieses von Gott selbst eingegebene prophetische Wort der Bibel ist ganz und gar fest, zuverlässig und glaubwürdig; so kann man die Steigerungsform des griechischen Wortes hier auffassen, und das wird durch den Textzusammenhang nahegelegt. Dieses prophetische Wort haben wir, weil Gott es uns gegeben hat, und wir sollen es auch festhalten, wenn Spötter und Verführer daran rütteln wollen. Angesichts der irreführenden, vom Unglauben und verführerischen Geistern (1Tim 4,1) inspirierten Lehren derer, die das kommende Gericht über die Welt und das reale messianische Reich auf Erden leugnen, tun wir gut daran, uns von solchen Einflüssen abzugrenzen und allein auf das prophetische Wort der Bibel zu achten und zu hören. Dort allein finden wir Licht und Orientierung.
 
 
Die Leuchte der Prophetie und der kommende Herr
 
Dieses zuverlässige prophetische Wort ist eine „Leuchte“ oder „Lampe“, die beständig Licht ausstrahlt an einem trüben Ort. Diese Leuchte soll die Gemeinde der wahren Gläubigen leiten, solange sie auf Erden ist - wahrhaftig ein düsterer, wüster Ort, wo die Ungläubigen in lauter Finsternis und Irrtum über Gott und die göttlichen Dinge gefangen sind und sich in gefährliche Illusionen wiegen. Als Kinder Gottes vertrauen wir auf die Bibel allein als unser Licht und unsere Leitlinie; deshalb sind wir im Licht und wandeln im Licht; das Wort Gottes ist uns tatsächlich unseres Fußes Leuchte und ein Licht auf unserem Weg (Ps 119,105). Wir blicken durch, wo die Ungläubigen im Dunklen tappen. Das erinnert uns an die Verse im 1. Thessalonicherbrief:
 
Denn ihr wißt ja genau, daß der Tag des Herrn so kommen wird wie ein Dieb in der Nacht. Wenn sie nämlich sagen werden: »Friede und Sicherheit«, dann wird sie das Verderben plötzlich überfallen wie die Wehen eine schwangere Frau, und sie werden nicht entfliehen. Ihr aber, Brüder, seid nicht in der Finsternis, daß euch der Tag wie ein Dieb überfallen könnte; ihr alle seid Söhne des Lichts und Söhne des Tages. Wir gehören nicht der Nacht an noch der Finsternis. So laßt uns auch nicht schlafen wie die anderen, sondern laßt uns wachen und nüchtern sein! Denn die Schlafenden schlafen bei Nacht, und die Betrunkenen sind bei Nacht betrunken; wir aber, die wir dem Tag angehören, wollen nüchtern sein, angetan mit dem Brustpanzer des Glaubens und der Liebe und mit dem Helm der Hoffnung auf das Heil. (1Thess 5,2-8)
 
Allein das zuverlässige prophetische Wort der Bibel kann uns in den Wirrnissen und verführerischen Strömungen der letzten Tage fest machen und uns Licht geben, sodaß wir unbeirrt auf den wiederkommenden Herrn warten und Ihm treu bleiben, auch wenn so manche vom geraden Weg abweichen. Wenn dann der ersehnte Tag anbricht, dann werden wir sehen, wie sich alle die bisher noch ausstehenden Prophetien und Verheißungen vor unseren Augen erfüllen. „Der Tag“ steht hier wohl im Gegensatz zu der geistlichen Nacht der jetzigen Weltzeit, so wie wir es auch in Röm 13,12 finden: „Die Nacht ist vorgerückt; der Tag aber ist nahe“ (vgl. auch 1Thess 5,3-8).
 
Der Anbruch des Tages wird durch das Aufleuchten des Morgensterns angekündigt. Für uns Kinder Gottes beginnt dieser Tag mit der Entrückung der Gemeinde, wie es vor allem der 1. Thessalonicherbrief lehrt. Die Hoffnung auf den verherrlichten Herrn im Himmel, der kommen wird, um uns zu sich zu holen, sollte uns anspornen und bewegen. Der Herr wird kommen, um die Seinen Ihm entgegenzuführen und in die Himmel aufzunehmen. Dann werden wir in Sein Ebenbild verwandelt, vollkommen gemacht und verherrlicht; dann wird, im Bild gesprochen, Christus als der vollkommene Lichtbringer aufstrahlen in unseren Herzen. Dann brauchen wir das prophetische Wort nicht mehr als Leuchte; dann stehen wir in vollkommener Gemeinschaft mit dem, der die Quelle alles Lichtes ist; dann dürfen wir alle Dinge in Seinem Licht völlig erkennen.
 
Aber zuvor schon darf die Hoffnung auf diesen Morgenstern unsere Herzen erfüllen und uns Kraft geben. Die Welt ist noch finster, aber wir schauen auf den Herrn Jesus Christus, den sie nicht sieht, und werden dadurch zu standhaftem Ausharren ermuntert. Vielleicht spielt diese Wendung „in euren Herzen“ auch darauf an. Den wahren Gläubigen, die den Herrn erwarten, wird in der vorrückenden Endzeit das Kommen des Messias immer gewisser; der Tag kann sie nicht wie ein Dieb überfallen (1Thess 5,4). Auf diesen Tag wollen auch wir warten, und ihm in heiligem Wandel und Gottesfurcht entgegeneilen (2Pt 3,11-14).
 
 
2Petr 1,20  Dabei sollt ihr vor allem1 das erkennen2, daß keine3 Weissagung der Schrift4 aus eigenmächtiger Deutung5 entsteht.
 
pròton = zuerst, vor allem
ginoskò = erkennen, einsehen, verstehen
pasa … ou ginetai = w. daß alle Weissagung … nicht aus eigener Deutung entspringt; daß keine einzige W.
4  gr. prophèteia graphès; graphè = übliche Bezeichnung für die heiligen Schriften, insbes. des AT, aber auch des NT (vgl. 2Pt 3,16; 1Tim 5,18)
idias epi-lyseòs Gen = von / aus einer eigenen, persönlichen, eigentümlichen, eigenmächtigen (Menge, SCH2000) Auslegung kommt; epi-lysis = Auflösung, Deutung, Auslegung
 
V. 20: In diesem und dem folgenden Vers zeigt der Geist Gottes, daß die heiligen Schriften nicht das Werk menschlicher Überlegung sind, daß sie nicht aus der eigenen Deutung der Propheten herrühren, sondern aus Gott. „Weissagung“ (prophèteia) meint hier, wie wir noch zeigen wollen, nicht allein die speziell vorhersagenden Abschnitte der Bibel, sondern allgemein das „Von-Gott-her-Reden“, die inspirierte Botschaft Gottes. Der Genitiv „von eigener Deutung“ ist hier als Bezeichnung des Ursprungs zu verstehen: „daß jede Weissagung der Schrift nicht aus der eigenen Deutung [des Propheten] entspringt“.
 
Die Bedeutung des völlig gewissen prophetischen Wortes liegt gerade darin, daß dieses Wort nicht menschlicher Spekulation entsprungen ist, sondern eine Botschaft von dem ewigen, allwissenden Gott ist, der die Geschichte lenkt und das Zukünftige vorhersagt. Das prophetische Wort kommt nicht aus dem Propheten; dieser ist nur ein Empfangender, der die Worte Gottes, die Gott ihm offenbart, getreulich an die Menschen weitergibt. Nur deshalb kann es uns ein Licht sein; nur deshalb können wir uns im Glauben so fest darauf stützen.
 
 
Die Bibel ist Gottes Wort, nicht Menschenwort
 
Wenn das prophetische Wort bloßes Menschenwort wäre, dann wäre es ebenso fehlbar und unzuverlässig, wie nun einmal die Worte von uns Menschen sind. Eben dieses versucht der Widersacher den Gläubigen einzureden, um ihren Glauben zunichtezumachen und sie der Kraft des Glaubens zu berauben. Deswegen hat die Anerkenntnis der Inspiration und Irrtumslosigkeit der Bibel eine vorrangige, grundlegende Bedeutung; deshalb sollen wir vor allem, als allererstes und Wichtigstes, dies erkennen.
 
Die Gewißheit der Gläubigen über ihr Heil, über ihre Stellung vor Gott, über die kommenden Ereignisse und besonders die Wiederkunft des Herrn stützt sich auf die fundamentale Tatsache, daß die Worte der Bibel nicht irrtümliche Menschenworte sind, nicht menschliche Poesie, Philosophie oder Spekulation, sondern Gottes eigene Botschaft an die Menschen. Allein aus dieser Tatsache leitet sich ihre Autorität und Glaubwürdigkeit ab. Wenn sie bloßes Produkt menschlichen Verstandeswirkens wäre, hätte sie nicht mehr Anspruch auf Glaubwürdigkeit als all die Vermutungen oder willkürlichen Gedankengebäude der zahlreichen heidnischen Schriftsteller und Philosophen.
 
Die göttliche Inspiration der Heiligen Schrift, ihr einzigartiger Offenbarungscharakter ist deshalb ein wesentliches geistliches Fundament des biblischen Glaubens; wer sich mit der Bibel beschäftigt, sollte als allererstes, vor allem anderen das erkennen, daß keine Prophetie, keine inspirierte Äußerung der Heiligen Schrift das Ergebnis menschlicher Überlegungen und Deutungen ist. Das ist vom Textzusammenhang, von den Aussagen in V. 21 her, die erste und vorrangige Bedeutung von V. 20, und auch die Grammatik unterstützt diese Deutung.
 
In der Heiligen Schrift finden wir nicht die Gedanken der Menschen, sondern die Gedanken Gottes. Die Propheten gaben diese Gedanken getreulich an die Menschen weiter, so wie Gott sie ihnen gab. Wir sehen das z.B. an Jeremia: „Und der HERR streckte seine Hand aus und rührte meinen Mund an; und der HERR sprach zu mir: Siehe, ich lege meine Worte in deinen Mund!“ (Jer 1,9). In Jer 30,2 bekommt der Prophet das ausdrückliche Gebot, die Worte des Herrn niederzuschreiben. Die Aussprüche der alttestamentlichen Propheten werden überall als die Worte des HERRN selbst behandelt, wie die bekannte Wendung „So spricht der HERR“ bezeugt. In Hos 12,11 bezeugt der Gott Israels: „Ich habe zu den Propheten geredet und viele Offenbarungen gegeben und durch die Propheten in Gleichnissen gelehrt“.
 
Dasselbe finden wir auch im Neuen Testament bestätigt, etwa in der bekannten Aussage von Hebr 1,1: „Nachdem Gott in vergangenen Zeiten vielfältig und auf vielerlei Weise zu den Vätern geredet hat durch die Propheten …“ In Mt 1,22 lesen wir: „Dies alles aber ist geschehen, damit erfüllt würde, was der Herr durch den Propheten geredet hat …“ In diesem allgemeinen Sinn sind also alle Verfasser der heiligen Schriften der Bibel „Propheten“, wie auch unser Herr selbst ein „Prophet“ genannt wird (vgl. die Weissagung des Mose in 5Mo 18,15 und die Anwendung in Apg 3,22).
 
 
Alle Schriften sind prophetische Schriften
 
Die Bibel zeigt uns, daß eigentlich alle heiligen Schriften, die in ihr gesammelt sind, „prophetisches Wort“ sind - nicht etwa nur die ausgesprochen auf die Zukunft bezogenen Abschnitte. Der biblische Prophet ist einfach ein inspirierter Bote Gottes, der den Menschen die Offenbarungsworte Gottes bringt - ganz gleich, ob dies Gebote und Belehrungen, Ermahnungen oder Voraussagen auf die Zukunft betrifft. Schon von Mose wird bezeugt, daß er ein Prophet war, der von Gott selbst Seine Worte empfing (vgl. u.a. 2Mo 7,2; 2Mo 24,3-4; 4Mo 12,8; 5Mo 27,10), und daß er als Bote Gottes alle Worte der Weisung, des Gesetzes des HERRN gewissenhaft aufschrieb, um sie dem Volk Israel zu überliefern (vgl. u.a. 2Mo 34,27; 5Mo 31,24). In diesem erweiterten Sinn werden im NT auch Mose und David „Propheten“ genannt (vgl. Apg 2,30; 3,22), und in Hebr 1,1 offenkundig alle inspirierten Verfasser des AT.
 
Also können wir mit Recht schlußfolgern, daß hier in V. 20 mit „Weissagung“ oder Prophetie nicht etwa nur die auf die Zukunft bezogenen Abschnitte der Heiligen Schrift gemeint sind, sondern alle Worte Gottes, die von heiligen Menschen Gottes niedergeschrieben wurden. Wenn in diesem Vers nur die auf die Zukunft bezogene Äußerungen im Blick wären, dann hätten wir eine verkürzte Auffassung von Weissagung, die zahlreiche Aussagen der Bibel über sich selbst außer acht ließe.
 
 
Auch die Schriften des Neuen Testaments können wir als „prophetisch“ verstehen
 
Das ganze Wort der Bibel ist „prophetisch“, weil es von Gott durch berufene, geistbegabte Boten geoffenbart wurde. Das gilt übertragen genauso von den Schriften des Neuen Testaments; die Apostel waren genauso inspirierte Sprecher des erhöhten Herrn wie die Propheten des Alten Testaments. Das sehen wir z.B. an Römer 16,25-26, wo der Apostel Paulus sagt, daß das Evangelium der Gnade und das Geheimnis der Gemeinde durch „prophetische Schriften“ bekanntgemacht worden ist:
 
Dem aber, der euch zu festigen vermag laut meinem Evangelium und der Verkündigung von Jesus Christus, gemäß der Offenbarung des Geheimnisses, das von ewigen Zeiten her verschwiegen war, das jetzt aber offenbar gemacht worden ist und durch prophetische Schriften auf Befehl des ewigen Gottes bei allen Heiden bekanntgemacht worden ist zum Glaubensgehorsam…
 
Hier wird „prophetisch“ ganz in demselben Sinn wie „inspiriert“ gebraucht – Schriften, die Gott geheiligten Boten eingegeben hat, damit sie sie den Menschen verkünden. Keine von Gottes Geist eingegebene Äußerung in irgendeinem Bibelbuch entspringt menschlichem Denken; jede Schrift ist „Weissagung“ und damit unmittelbare göttliche Offenbarungsbotschaft.
 
Daß darin auch alle heiligen Schriften des Neuen Testaments eingeschlossen sind, sehen wir auch daran, daß der Apostel Paulus das Lukasevangelium als heilige Schrift (graphè) kennzeichnet (1Tim 5,18). Dasselbe tut der Apostel Petrus mit den Paulusbriefen in 2Pt 3,16. Die Apostel waren sich also dessen bewußt, daß ihre Schriften zu den von Gott autorisierten heiligen Schriften gehörten (vgl. auch 1Kor 14,37). Damit gilt das Zeugnis des Apostels Paulus in 2Tim 3,16-17 für die ganze Heilige Schrift, auch das Neue Testament:
 
Alle Schrift (od. die ganze Schrift; pasa graphè) ist von Gott [durch den Geist] eingegeben (od. gottgehaucht, inspiriert; gr. theo-pneustos) und nützlich zur Belehrung, zur Überführung, zur Zurechtweisung, zur Erziehung in der Gerechtigkeit, damit der Mensch Gottes ganz zubereitet sei, zu jedem guten Werk völlig ausgerüstet.
 
2Petr 1,21  Denn niemals wurde eine Weissagung1 durch menschlichen Willen hervorgebracht, sondern vom Heiligen Geist getrieben2 haben die heiligen Menschen Gottes geredet3.
 
prophètaia = Prophetie, Weissagung
hypo pneumatos hagiou pheromenoi = getragen, fortbewegt, getrieben, hervorgebracht, verursacht, bewirkt vom Heiligen Geist
3  gr. elalèsan hoi hagioi theou anthròpoi (TR)
 
 
V. 21: Der Apostel Petrus blickt nun zurück auf die reiche Abfolge prophetischer Schriften des Alten Testaments, beginnend mit Mose, dem ersten und größten Propheten in Israel (vgl. 5Mo 34,10), bis hin zu Maleachi. Alle heilige Schrift entstand durch Inspiration – so kann man die Botschaft dieses Verses gut zusammenfassen, die somit vollkommen übereinstimmt mit 2Tim 3,16. Die heiligen Schriften haben nicht Menschen zur Quelle, sondern Gott. Kein Mensch konnte sich hinsetzen und sagen: „Ich will jetzt eine prophetische Schrift verfassen“.
 
Die wahren Propheten waren dadurch gekennzeichnet, daß der Geist Gottes sie antrieb und lenkte, ihre Botschaften im Namen des HERRN zu verfassen; sie waren nicht die Urheber und Verfasser, sondern der Heilige Geist, der sie trieb. Sie waren nur die Sprecher und Schreiber, die getreu und gewissenhaft die Botschaft ihren Mitmenschen weitergaben, die Gott ihnen gegeben hatte. Gewiß ist die genaue Art, wie dieser Antrieb, diese Inspiration zustandekam, uns verborgen; aber Tatsache ist, daß das Ergebnis zu 100% die Worte Gottes sind und zu 0% Menschenworte.
 
 
Der Prophet als Sprecher Gottes
 
Der „Prophet“ ist eigentlich ein autorisierter Sprecher Gottes (vgl. 2Mo 7,1; 5Mo 18,18; Ri 6,8; Jer 23,28), der berufen ist, Gottes Botschaft den Menschen getreu weiterzugeben. Deshalb sind alle heiligen Schriften prophetische Schriften, und auf alle trifft auch zu, was wir in diesen Versen 20 und 21 lesen: keine prophetische Äußerung der Schrift entspringt einer eigenmächtigen Deutung oder wurde durch menschlichen Willen hervorgebracht; „vom Heiligen Geist getrieben haben die heiligen Menschen Gottes geredet“.
 
Das Wort „getrieben“ kann auch übersetzt werden: „geführt“ oder „fortbewegt“; in Apg 27,15 u. 17 wird es verwendet, um zu beschrieben, wie der Wind und die Strömung ein Segelschiff antreiben und mit sich führen. Das zeigt ganz deutlich, daß in der Inspiration die menschlichen Werkzeuge passiv waren, solche, die gelenkt und geleitet wurden von dem übernatürlichen Wirken des Heiligen Geistes, der seinerseits der aktive, führende, bestimmende Urheber des hervorgebrachten Wortes der Weissagung war.
 
Daß Gottes Geist den Propheten diese Worte Gottes eingab, finden wir ebenfalls bezeugt, am deutlichsten vielleicht in dem Bekenntnis Davids, der ja auch ein Prophet war: „Der Geist des HERRN hat durch mich geredet, und sein Wort war auf meiner Zunge“ (2Sam 23,2). Auch in Apg 1,16 wird bestätigt, daß der Heilige Geist durch den Mund Davids geredet hatte.
 
In bezug auf die Propheten des AT insgesamt finden wir die Aussage des Propheten Sacharja: „Und sie (…) wollten das Gesetz nicht hören, noch die Worte, die der HERR der Heerscharen durch seinen Geist, durch die früheren Propheten gesandt hatte“ (Sach 7,12; vgl. Neh 9,30). In Apg 28,25 wird bestätigt, daß die Propheten vom Heiligen Geist gebraucht wurden, um die Worte Gottes auszusprechen bzw. niederzuschreiben: „Trefflich hat der Heilige Geist durch den Propheten Jesaja zu unseren Vätern geredet“.
 
Die Propheten, denen Gott Seine Worte anvertraut hat, waren allesamt heilige Menschen Gottes. Sie waren keine ungläubigen Sünder, sondern allesamt durch den persönlichen Glauben an den HERRN geheiligt, für Gott ausgesondert und besonders für das Werk zubereitet, das Gott mit ihnen vorhatte.
 
Sie waren Menschen Gottes, Menschen, in deren Leben Gott leitend und bewahrend eingegriffen hatte, die sich Gott ganz geweiht hatten und Ihm völlig zur Verfügung standen, so daß der Geist Gottes in ihnen ein wunderbares Werk tun konnte – Er konnte ihnen das kostbare, heilige Wort des lebendigen Gottes anvertrauen, und sie schrieben es zuverlässig und ohne menschliches Beiwerk nieder. Vom Geheimnis solcher Gottesmenschen zeugt der Prophet Jeremia am Beginn seines großen Buches:
 
Und das Wort des HERRN erging an mich folgendermaßen: Ehe ich dich im Mutterleib bildete, habe ich dich ersehen, und bevor du aus dem Mutterschoß hervorkamst, habe ich dich geheiligt; zum Propheten für die Völker habe ich dich bestimmt! Da sprach ich: Ach, Herr, HERR, siehe, ich kann nicht reden, denn ich bin noch zu jung! Aber der HERR sprach zu mir: Sage nicht: »Ich bin zu jung«; sondern du sollst zu allen hingehen, zu denen ich dich sende, und du sollst alles reden, was ich dir gebiete! Fürchte dich nicht vor ihnen! Denn ich bin mit dir, um dich zu erretten, spricht der HERR. Und der HERR streckte seine Hand aus und rührte meinen Mund an; und der HERR sprach zu mir: Siehe, ich lege meine Worte in deinen Mund! (Jer 1,4-9)
 
Die Propheten wurden in ihrem Dienst durch das übernatürliche Wirken des Geistes Gottes vor allem Irrtum bewahrt; was sie hervorbrachten, waren deshalb die heiligen, vollkommenen, völlig wahrhaftigen und zuverlässigen Worte Gottes und nicht irrtumsfähige Menschenworte.
 
Das Gesetz des HERRN ist vollkommen, es erquickt die Seele; das Zeugnis des HERRN ist zuverlässig, es macht den Unverständigen weise. Die Befehle des HERRN sind richtig, sie erfreuen das Herz; das Gebot des HERRN ist lauter, es erleuchtet die Augen. (Ps 19,8-9)
 
Die Worte des HERRN sind reine Worte, in irdenem Tiegel geschmolzenes Silber, siebenmal geläutert. Du, o HERR, wirst sie bewahren, wirst sie behüten vor diesem Geschlecht ewiglich! (Ps 12,7-8)
 
 
Die biblische Lehre von der Inspiration und die heutigen Verfälschungen
 
Derselbe Geist Gottes, der alle Schriften eingegeben hat, bezeugt auch allen, denen Er sich mitteilt, daß die heiligen Schriften Gottes unfehlbares Wort sind. Es ist ein Grundkennzeichen echter Neugeburt aus dem Geist, daß die Bibel als Gottes Wort anerkannt wird:
 
Darum danken wir auch Gott unablässig, daß ihr, als ihr das von uns verkündigte Wort Gottes empfangen habt, es nicht als Menschenwort aufgenommen habt, sondern als das, was es in Wahrheit ist, als Gottes Wort, das auch wirksam ist in euch, die ihr gläubig seid. (1Thess 2,13)
 
Wir aber haben nicht den Geist der Welt empfangen, sondern den Geist, der aus Gott ist, so daß wir wissen können, was uns von Gott geschenkt ist; und davon reden wir auch, nicht in Worten, die von menschlicher Weisheit gelehrt sind, sondern in solchen, die vom Heiligen Geist gelehrt sind, indem wir Geistliches geistlich erklären. (1Kor 2,12-13)
 
Die Bibel ist also, das lesen wir hier sehr deutlich, 0% Menschenwort und 100% Gotteswort. Vertreter der „gemäßigten“ Bibelkritik unter den Evangelikalen prägen scheinbar „fromme“ Sprüche, die besagen, die Bibel sei beides, Gottes ewiges Wort und zugleich auch fehlbares Menschenwort. Wir müssen hier achtgeben, daß uns niemand verführt. Der Satan ist der Meister der Dialektik, des „Sowohl - Als auch“; er sucht mit seinen philosophischen Gedankengebäuden die Einfalt des Glaubens zu zerstören. Er wendet sich gegen das „primitive Schwarzweißdenken“ des Glaubens und entdeckt überall Grauzonen, scheinbare Widersprüche, Vermischungen.
 
Inspiriert durch Geister aus der Finsternis hat die bibelkritische Theologie ein kompliziertes System von Behauptungen und scheinwissenschaftlichen Ableitungen entwickelt, die alle davon ausgehen, daß die Bibel eben nicht inspiriert und damit auch nicht unfehlbare Autorität sei. Man behandelt die Bibel als ein gewöhnliches Beispiel antiker Literatur; man sucht nach scheinbaren Irrtümern und Widersprüchen, zerlegt biblische Texte in angebliche „Quellen“, verlegt die Entstehung erfüllter Voraussagen auf eine Zeit nach der Erfüllung.
 
Die hochgelehrten „Theologen“ unterstellen den biblischen Autoren Lüge und Betrug, Unzurechnungsfähigkeit und Halluzination, fromme Täuschungsabsicht und Geschichtsklitterung. In ihrem intellektuellen Hochmut machen sie sich zu Richtern über Gottes Wort, anstatt sich von ihm richten zu lassen. Sie zerfleddern das wunderbare Geflecht der Gottesworte, Verheißungen und Prophezeiungen auf die Zukunft, bis so gut wie nichts mehr übrig bleibt.
 
Die große, einflußreiche Strömung der heutigen Namenschristenheit, die sich auf die „historisch-kritische Auslegung“, auf die bibelkritische Theologie stützt oder sie zumindest duldet, ist daher einer schlimmen Verführung durch den Vater der Lüge aufgesessen. Wer bibelkritische Lehren vertritt, kann nicht als echter Gläubiger und wahrer Christ angesehen werden; er hat die Wahrheit verleugnet und kann mit seinem verdrehten „Glauben“ an ein von Menschenirrtümern durchsetztes „Evangelium“ ohne Gottes Sohn, ohne Sühnopfer und Auferstehung keine Errettung finden.
 
Das gilt auch für jene Evangelikalen, die eine abgeschwächte Spielart jener tödlichen Häresie vertreten, die sogenannte „gemäßigte Bibelkritik“, manchmal auch „Hermeneutik der Demut“ genannt. Die Vermischung des Sauerteigs bibelkritischer Verführung mit biblischer Lehre macht das Ganze nicht etwa gesund, sondern nur gefährlicher, weil schwerer zu durchschauen.
 
 
Die rechte Auslegung des prophetischen Wortes
 
Die Aussage von V. 20, daß keine Weissagung (Prophetie) der Schrift von eigener Deutung ist, wurde von vielen Auslegern, z.B. aus der „Brüderbewegung“, aber auch aus evangelikalen Kreisen, so verstanden, daß es hier um die Auslegung oder Deutung des prophetischen Wortes geht und nicht um ihre Entstehung, seinen Ursprung. Auch wenn dies nach Überzeugung des Verfassers nicht der ursprüngliche Sinn von V. 20 ist, kann man diesen Vers sicherlich in dieser Weise anwenden.
 
Es ist gewiß wahr, daß wir die Prophetie der Schrift nicht eigenmächtig auslegen dürfen. Wir dürfen den inspirierten Worten nicht einen selbsterdachten Sinn unterlegen, der am eigentlichen Wortlaut und dem historischen und heilsgeschichtlichen Zusammenhang der Schriftstelle vorbeigeht. Das betrifft manche willkürliche Prophetie-Auslegungen, z.B. auch die von Origenes erfundene „allegorische“ (sinnbildliche) Auslegung, die fast alle Zukunftsaussagen der Propheten in bezug auf Israel „vergeistlicht“ und auf die Gemeinde bezieht.
 
Für die getreue geistliche Deutung oder Auslegung der Bibel müssen wir jede Prophetie auch in den Zusammenhang der ganzen Bibel stellen und besonders in Bezug zu anderen verwandten Stellen im prophetischen Wort bringen. Diese innerlich verwandten Stellen erklärten einander und ergänzen sich gegenseitig (vgl. z.B. die Geistesausgießung auf das Volk Israel – Jes 32,15; 44,3; Hes 39,29; Joel 3,1-2; Sach 12,10), so daß ein ausgewogenes Gesamtbild entsteht (man kann hier an das „Muster der gesunden Worte“ denken – 2Tim 1,13).
 
Indem wir Schrift mit Schrift vergleichen und verschiedene inspirierte Aussagen zum selben Thema miteinander verbinden, entsteht das Gesamtmuster biblischer Lehre; es werden uns Linien, innere Bezüge und Gesetzmäßigkeiten deutlich. Dunkle und schwierige Schriftstellen sollen wir im Licht klarer biblischer Aussagen deuten oder erst einmal demütig stehen lassen, anstatt sie zum Gegenstand vorwitziger oder gefährlicher Spekulationen zum machen (vgl. die Warnung in 2Pt 3,16).
 
Wir wollen nur erwähnen, daß die römische Kirche den Vers 20 mißbraucht hat, um zu lehren, daß ein einzelner Gläubiger nicht für sich selbst die Bibel lesen und studieren dürfe, sondern von der Auslegung der Kirchenhierarchie abhängig sei. Das ist damit natürlich nicht ausgesagt; diese Verse sind gerade eine Ermutigung an die Gläubigen, das Wort Gottes zu studieren.
 
Diese kostbaren Verse 2Pt 1,19-21 sollten jedem gläubigen Bibelleser innerlich eingeprägt sein, so daß er wachsam ist gegenüber jedem Gedanken, jeder Auslegung, die das überaus gewichtige und wertvolle Gut der Inspiration und Irrtumslosigkeit der Bibel antastet, in Frage stellt oder geringschätzt. Ein mögliches Verständnis von V. 20 wäre ja, daß keine Weissagung der Schrift eigenmächtig aufgelöst werden kann und darf (epi-lysis kann auch mit „Auflösung“ übersetzt werden). Leider begegnen wir einer solchen eigenmächtigen Auflösung der biblischen Wahrheiten heute immer wieder, weil die ganze evangelikale Welt von Bibelkritik in verschiedensten Spielarten verseucht ist.
 
Das ist die Stimme des Widersachers, der unseren Glauben schwächen und verderben will. Demgegenüber betont unser Herr, daß die Heilige Schrift nicht aufgelöst oder außer Kraft gesetzt werden kann (Joh 10,35; hier steht lyò = aufgelöst werden). Die Ehrfurcht und Hochachtung vor den heiligen Schriften als dem lebendigen, kräftigen Wort Gottes ist eine wesentliche Voraussetzung dafür, daß Kinder Gottes gerade in unserer verführerischen Zeit überwinden und geistlich bestehen können.
 
 
 
Bearbeiteter Auszug aus dem Buch desselben Verfassers: Von Gott bewahrt vor der Verführung. Eine Auslegung des 2. Petrusbriefes und des Judasbriefes. Steffisburg: Edition Nehemia 2015
 
 
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